Bruttoinlandsprodukt ade ?
Die Euroschuldenkrise wird immer dramatischer. Es gibt zwar viele Möglichkeiten dieser Krise entgegenzuwirken, aber kaum jemand weiß ob all diese Maßnahmen auch wirklich greifen würden. Außerdem wird die Schere zwischen Arm und Reich in vielen Industriestaaten immer größer. Folglich wird der Trend zur Kritik am Wachstum bzw. am Konjunkturindikator BIP immer größer. Schließlich ist der Drang nach immer mehr Wachstum auch eine Ursache für die derzeitige Krise und viele fragen sich wohin dieses Wachstum wirklich hinfließt.
Man muss endlich davon wegkommen aus einem steigenden BIP zu folgern, dass zugleich der Wohlstand einer Bevölkerung steigt. Nicht umsonst beschäftigt sich eine Bundestagskommision mit neuen Wohlstandskonzepten. Es ist einfach unglaublich, welche enorme Stellung inzwischen das BIP eingenommen hat. Die Summe aller Güter und Dienstleistungen ist definitiv kein richtiges Maß, um den Wohlstand einer Bevölkerung zu zeigen. Ludwig Erhard “Vater” der Sozialen Marktwirtschaft und zweiter Bundeskanzler von Deutschland erkannte damals schon, dass es “höchst naiv” sei aufgrund einer positiven Wachstumsrate zugleich auf eine Verbesserung des allgemeinen Wohlstands zu folgern.
Ein sehr gutes aber auch makaberes Beispiel für die Sinnlosigkeit des BIPs als Wohlstandsindikator ist Japan. 2011 war wirklich ein schreckliches Jahr für Japan aufgrund des Erdbebens,Flutkatastrophe und der Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk von Fukushima. Die Folgen für die Gesundheit der Menschen rund um Fukushima werden sich erst in vielen Jahren oder gar Jahrzehnten herauskristallisieren.
Die Vermutung liegt nun sehr nahe, dass auch die Wirtschaft aufgrund des Unglücks einen enromen Schaden genommen hat. Aber das BIP schrumpfte nur um mickrige 0,5 Prozent. Noch erstaunlicher ist die Erwartung für Japan im Jahr 2012. Laut vielen Prognosen könnte Japan in diesem Jahr eines der am schnellsten wachsenden Industrieländer sein, denn schließlich wird die Wirtschaft durch den Wiederaufbau zusätzlich belebt.
Das BIP ist als Wohlstandsindikator einfach nicht mehr ernst zu nehmen. Dennoch sind die Folgen der Kritik an das BIP relativ harmlos. Es wird nur überlegt, das BIP durch andere Indikatoren wie Einkommensverteilung zu ergänzen. Aber wie wäre es mit einen kompletten Umbau ? Es gibt durchaus andere Wohlstandsindikatoren wie den Human Development Index oder das Bruttosozialglück ,welches im asiatischen Bhutan seit Jahren erfolgreich angewendet wird, die in Erwägung gezogen werden könnten.
Viele Menschen in Deutschland vertrauen der Marktwirtschaft und folglich auch dem BIP nicht mehr. Deswegen gilt es auch für die Politik und die Wirtschaft sich umzustellen und davon wegzukommen das Wachstum wie einen Gott zu verehren. Zudem muss man sich wirklich fragen, wer von einem Anstieg des BIPs wirklich profitiert. Deutschland oder die USA weisen schon eine bedenklichen Unterschied zwischen Arm und Reich auf. Erst richtig problematisch ist es wenn man die BRIC-Staaten betrachtet. Brasilien,Russland, China und Indien haben zwar erstaunlich hohe Wachstumsraten, dennoch ist zugleich ein gewaltiges Auseinanderklaffen der Einkommen nachweisbar.
Es bleibt also abzuwarten, ob die Politik und die Wirtschaft umdenkt und dem BIP als Wohlstandsindikator den Rücken kehrt.
Zum Abschluss noch ein kurzer Beitrag aus der Satiresendung “Neues aus der Anstalt” zum Thema Wachstum.
Bildquelle : Flickr/wahlkampf09
Textquelle : Spiegel Online